Mythen des autonomen Fahrens II

Der Hype um das autonome Auto scheint ungebrochen. Warum ist das so? Mit der Technik werden zahlreiche Versprechen verknüpft, die die Mobilität auf den Kopf stellen sollen. Das selbstfahrende Automobil verspricht Sicherheit, neue Freiräume und nicht weniger als die „Demokratisierung des Fahrens“. Aber was ist wirklich dran an diesen Verheißungen? Und wo gibt es das autonome Auto überhaupt schon? Eine kritische Aufklärung, die wir in fünf separaten Teilen unternehmen wollen.

Mythos II: Das autonome Auto bringt mehr Sicherheit

Die Maschine im autonomen Auto ist niemals abgelenkt, müde, emotional, aggressiv oder betrunken. Es ist also bereits intuitiv verständlich, dass sie am Steuer potentiell weniger Schaden anrichtet als ein Mensch. In großen Autofahrernationen wie den USA oder Deutschland gehen rund 90 Prozent der Verkehrsunfälle auf menschliche Fahrfehler zurück1 und es ist auch nicht absehbar, dass die Zahl der Verletzten und Toten im Straßenverkehr in naher Zukunft deutlich sinken wird. Die Überlegenheit autonomer Fahrzeuge gegenüber dem menschlichen Fahrer lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht seriös nachweisen. Zu jung ist die Technik, zu wenig Erfahrung gibt es mit autonomen Autos im öffentlichen Straßenverkehr unter realen Bedingungen. Bereits jetzt zeigt sich allerdings, dass der Maschine, die einen Unfall verursacht, mit mehr Skepsis und Empörung begegnet wird als dem Menschen, der sich täglich auf unseren Straßen für Tote und Verletzte verantwortlich zeigt. Diese Empörung ist insofern verständlich, als die Maschine ja gerade besser sein soll als der Mensch. Skepsis ist dort angebracht, wo etwa staatliche Stellen wie in den USA einen regulativen Laissez-faire-Ansatz pflegen und durch den Verzicht auf Sicherheitsprüfungen automatisierte Fahrsysteme auf die Straße lassen, die schwere Mängel aufweisen wie der Fall Uber gezeigt hat. Nur wenn die Technik und die Spielregeln ihrer Einführung akzeptiert werden, kann sie weite Verbreitung finden und so für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Der Eindruck, dass Industrie und Gesetzgeber Verkehrsteilnehmer zu unfreiwilligen Probanden degradieren, ist dabei kontraproduktiv. Deshalb kann die Einführung der Technik auch nicht von oben verordnet werden: Der tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto in einer Gemeinde, die diese Technik nicht wollte, wird dann zum Fanal aller Technikfeinde. Die Technik muss also in einem regulativen Rahmen erprobt werden, der Transparenz zulässt und dynamische Veränderungen erlaubt. Nur dann kann das Versprechen wahr werden, dass durch die Einführung autonomer Autos sukzessive weniger Menschen im Straßenverkehr zu Schaden kommen. Auf dem Weg dorthin werden diese Fahrzeuge jedoch vermutlich weitere Menschen verletzten oder gar töten. Wie sollen wir damit umgehen?


  1. Vgl. NHTSA 2015, Destatis 2016